Warum wir gendergerechte Sprachen brauchen
11. Mai 2021

Warum wir gendergerechte Sprache brauchen


Sexismus, Homophobie und patriarchale Strukturen haben seit jeher große Teile unserer Gesellschaft unterdrückt und diskriminiert. Eine Form der Sprache, die nicht wie gewohnt die männliche Form in den Vordergrund rückt, soll das Umdenken in der Zivilbevölkerung bestärken.

Der Gebrauch von Sprache hat nachweislich einen Einfluss auf das Verhalten und das Bewusstsein der Menschen. Sie ist der Spiegel einer Gesellschaft. 

Im deutschen Raum lässt sich daran klar eine Gesellschaft erkennen, die jahrhundertelang Frauen und dem dritten Geschlecht deutlich weniger Identität, Respekt, Würde, Mitsprache und Anerkennung zugesprochen hat, als dem männlichen Teil der Bevölkerung.

Studien belegen, dass bei der bloßen Verwendung des generischen Maskulinums, die meisten Menschen nicht an alle Geschlechter, sondern nur an Männer denken. Dies macht die deutsche Sprache zu einer suggestiven Sprache, die Frauen und das dritte Geschlecht aus den Köpfen der Menschen verdrängt.


„Wer wird der nächste Bundespräsident?“ Aufgrund der Verwendung des Maskulinums schließt diese Frage für viele Menschen die Möglichkeit einer weiblichen oder diversen Besetzung des Postens aus.


Der Mann generiert auf diese Weise bereits durch die Sprache in vielen Bereichen der Gesellschaft einen Wettbewerbsvorteil. Wie groß jedoch der Einfluss gendergerechter Sprache auf eine diskriminierungsfreie Gesellschaft ist, darüber sind sich die Experten teilweise uneinig.

Auch der ARD-Chefredakteur Marcus Bornheim ist der Meinung, dass die ausschließliche Verwendung der männlichen Form keine authentische Widerspiegelung der Gesellschaft darstellt. Gerade in Zeiten in der die Anzahl der Frauen in vielen Berufsgruppen merklich ansteigt. Seiner Meinung nach ist es deshalb selbstverständlich, dass die Student:innen und Ärzt:innen auch in der Sprache entsprechend gewürdigt werden.

Wir bei lawpilots haben uns ebenfalls kritisch mit dem Thema der „fairlanguage“ auseinandergesetzt. Für die Zukunft möchten wir sowohl in unseren Online-Schulungen als auch in unserer eigenen Kommunikation fortan mit höherer Achtsamkeit vorgehen.

Besonders Führungskräfte können durch gendersensiblere Formen Chancengleichheit in ihrem Unternehmen signalisieren und vor allem auch bei Stellenanzeigen gleichermaßen alle Geschlechter ansprechen.

Für Unternehmen und ihre Mitarbeitenden empfehlen wir deshalb unsere Online-Schulung AGG und Gleichberechtigung. Teilnehmende lernen einen toleranten und respektvollen Umgang miteinander und nehmen auf diese Weise selbst Einfluss auf das unternehmensinterne Bewusstsein. So dass sie selbst aktiv ein diskriminierungsfreies Umfeld in ihrer Organisation vorantreiben.

Richtig Gendern 2021

Nach wie vor gibt es keine klare Einigkeit in Bezug auf die Orthografie gendergerechter Sprache. Bereits in den 80er-Jahren wurde im Rahmen der Emanzipation das Binnen-I (Binnenmajuskel) vorgeschlagen. In den 90er-Jahren wurden vor allem Schrägstrich- und Klammerschreibweisen benutzt, um die weibliche Form zu integrieren. Auch die konsequente Beidnennung „Kolleginnen und Kollegen“ ist eine Möglichkeit. Für die Integration aller Geschlechter (nicht nur weiblich und männlich) wird jedoch häufig die Verwendung des Gendersternchens (*) oder des Gender-Gap (_) hervorgehoben.

Wir bei lawpilots haben uns dazu entschlossen mit dem Doppelpunkt zu arbeiten. Dies beruht vor allem darauf, dass diese Schreibweise von Screenreadern am besten gelesen werden kann und als äußerst lesefreundlich gilt.

Für die meisten Verfechter der gendergerechten Sprache gehört auch der sog. „glottal stop“ in der Aussprache zum Pflichtprogramm. Auf deutsch auch „Knacklaut“ genannt, beschreibt er die gesprochene Pause zwischen Stamm und Endung eines Wortes: „Bürger – innen“.

Einige Menschen verunsichern die neuen Regeln, weil Ungeübte schnell etwas falsch machen und es zunächst einmal ungewohnt klingt. Auch einzelne Fachleute sind dagegen die Sprache in diesem Sinne zu politisieren und zu verändern. Sie befürchten u.a., dass dadurch eine Grundlage geschaffen wird, die deutsche Sprache auch zukünftig verhandelbar zu machen. 

Daraus heraus hat sich in den letzten Jahren ein Diskurs auf vielen Ebenen entwickelt. Eine durchaus gewollter Debatte der Linguist:innen und Sprachwissenschaftler:innen. Denn so hat das Thema an Aufmerksamkeit gewonnen und viele Politiker:innen, Unternehmer:innen und Journalist:innen haben sich damit auseinandergesetzt.

Ist Gendern Pflicht?

Ist Gendern Pflicht?

Noch gibt es keine Pflicht zu gendern. Allerdings steigt die Akzeptanz kontinuierlich und die Sprache ändert sich. So verwendet z.B. der Online-Duden seit 2021 für alle 12.000 Personenbeschreibungen das Gendersternchen. Auch im öffentlichen Dienst ist die Verwendung genderneutraler Formen vielerorts inzwischen verpflichtend einzusetzen. Und gemäß des Europarechts müssen Stellenanzeigen seit 2019 geschlechtsneutral formuliert sein.

Auch die öffentlich-rechtlichen Medien bemühen sich seit einiger Zeit um gendergerechte Sprache. Sie nutzen nicht das Gendersternchen, nennen jedoch beide Geschlechter und verwenden, wenn möglich, den glottal stop.

Wie schreibe ich geschlechtsneutral?

Doch auch vielen der eben genannten Einrichtungen unterlaufen hier und da Fehler im richtigen Gendern. Denn das hundertprozentig fehlerfreie Gendern stellt auch motivierte Personen vor einige Herausforderungen. So ist „Kollegen gendern“ beispielsweise eine häufige Suchanfrage bei Google. Aber auch das richtige Gendern von Komposita (Wörter, die aus zwei oder mehreren Nomen zusammengesetzt werden) mit Personenbezeichnungen ist nicht so einfach. Ebenso wie das richtige Gendern des dritten Geschlechts.

Tipps und Tricks zum Gendern

Tipps und Tricks zum Gendern:

  • Relativ- oder Passivsätze ermöglichen eine Vermeidung der geschlechtlichen Perspektive
  • Genderneutrale Formen wie Führungskraft und Ansprechperson oder Mitarbeitende, Nutzende und Arbeitgebende sorgen für eine Entsexualisierung, führen zu übersichtlicheren Texten und einer unkomplizierteren Aussprache.

Seit dem 1. Januar 2019 gibt es in der Bundesrepublik Deutschland offiziell das dritte Geschlecht, welches weder dem männlichen noch dem weiblichen zuzuordnen ist. Um auch hier diskriminierungsfrei zu formulieren bieten sich vor allem die genderneutralen Formen und die Verwendung des Gendersternchens an.

Die Kollegin und der Kollege kann somit auch als „Teammitglied“, „mitarbeitende Person“ oder im Plural als „Mitarbeitende“, „Kollegschaft“ oder „Kollegium“ bezeichnet werden.

Für die Verwendung von Komposita gilt es oftmals ein alternatives geschlechtsneutrales Nomen zu finden. So kann aus dem „Rednerpult“ das „Redepult“ werden oder aus dem „Expertenwissen“ das „Fachwissen“.

Quellen:

ARD Mediathek (2021): Gendern – machen oder lassen? https://www.ardmediathek.de/video/zapp/gendern-machen-oder-lassen/ndr-fernsehen/Y3JpZDovL25kci5kZS80NjU2NzMxYS0zYTEyLTQ0N2UtODczZC1kMmYyZDYxYzMyYWE/

Burel, S. (2020). Sprache der Führung – Wörter ändern Mindsets. In: Quick Guide Female Leadership. Quick Guide. Springer Gabler

Deutschlandfunk (2019). Sprache, Gender und das dritte Geschlecht. https://www.deutschlandfunk.de/aus-der-nachrichtenredaktion-sprache-gender-und-das-dritte.2852.de.html?dram:article_id=439151

Duden (2021). Gendern für Profis: zusammengesetzte Wörter mit Personenbezeichnungen. https://www.duden.de/sprachwissen/sprachratgeber/gendern-komposita-personenbezeichnungen

Eißfeldt, L. (2021): Gendern: Online-Duden ändert Personenbezeichnungen. https://www.ndr.de/kultur/Gendern-Online-Duden-aendert-Personenbezeichnungen,duden132.html

Krüger, U. (2021): Revolution durch Reden: Emanzipatorische Kommunikationswissenschaft und Diskursverweigerung passen nicht zusammen. https://rdcu.be/ciffZ

Nieberding, M. (2020): Unsere Grammatik widerspricht dem Grundgesetz. https://sz-magazin.sueddeutsche.de/wissen/luise-pusch-interview-linguistik-89651?reduced=true

Stahlberg, D./Sczesny S. (2001). Effekte des generischen Maskulinums und alternativer Sprachformen auf den gedanklichen Einbezug von Frauen. In: Psychologische Rundschau. Heft 52. S. 131-140

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